Salzstock unter Wolthausen/Meißendorf wird Teilgebiet bei Endlagersuche

Kaum jemand zeigte sich überrascht und niemand schockiert, als am 28. September 2020 die Bundesgesellschaft für Endlagerung bekannt gab: Bei der Suche nach einem Atommüllendlager liegt eins der weiter zu untersuchenden Teilgebiete im Landkreis Celle. Es handelt sich um einen Salzstock, der sich von Wolthausen bis Meißendorf streckt. Aber – und vielleicht resultiert daher die Entspanntheit: Es gibt 89 andere Teilgebiete. Das war vor 43 Jahren anders als, bevor Gorleben politisch ausgewählt wurde, neben Wahn (Emsland) und Lichtenhorst (Lichtenmoor) auch Lutterloh im Landkreis Celle als dritter Standort in die Auswahl gekommen war.

Und eventuell gibt es wirklich Gründe, entspannt zu sein. Im ersten Schritt erfolgte „nur“ die Untersuchung der geologischen Eignung. Und schon dabei schnitt Meißendorf/Wolthausen nur mit Einschränkungen als geeignet ab. Wichtiger aber dürfte die nächste Runde sein. Bei der obertägigen Untersuchung wird z.B. eine Rolle spielen, dass das Naturschutzgebiet Meißendorfer Teiche zumindest an das Teilgebiet angrenzt.

Teilgebiet 45 – Meißendorf/Wolthausen

Wie ist Meißendorf/Wolthausen überhaupt zu einem Teilgebiet im Standortauswahlverfahren geworden?

Zum Teilgebiet „ernannt“ wurden jene Gebiete, die günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung hochradioaktiver Abfälle in einem der drei Wirtsgesteine erwarten lassen. Sie wurden ermittelt durch die Anwendung von Ausschlusskriterien, Mindestanforderungen und geowissenschaftlichen Abwägungskriterien. Dabei ergaben sich insgesamt 90 Teilgebiete, davon neun in Tongestein, 74 in Steinsalz und sieben in kristallinem Wirtsgestein.

Die Mindestanforderungen bezogen sich auf die Gebirgsdurchlässigkeit, die Mächtigkeit des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs, die minimale Teufe des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs (also den Abstand zur Erdoberfläche), der angenommenen Mindestfläche des Endlagers sowie den Erhalt der Barrierewirkung.

In einem weiteren Schritt wurden diese Gebiete anhand von elf der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien hinsichtlich ihrer geo­logischen Gesamtsituation bewertet (siehe für Meißendorf/Wolthausen links unten).

Für Meißendorf/Wolthausen sind zwei der 11 Kriterien mit „nicht günstig“ und ein Kriterium sogar mit „ungünstig“ bewertet worden. Im Farbdruck wären bei Kriterium 11 die drei Balken rot. Von allen 89 anderen Salzstöcken hat nur noch der bei Helm-stedt eine ähnlich schlechte Bewertung.

Beim Kriterium 11 geht es um das Deckgebirge. Im Zwischenbericht heißt es dazu allgemein:

„Dieses soll möglichst eine zusätzliche Sicherheitsreserve für den einschlusswirksamen Gebirgsbereich zum Schutz seiner Integrität gegen direkte oder indirekte Auswirkungen exogener Vorgänge bieten.“
Genau dies vermag der Salzstock nicht zu gewährleisten. Im sogenannten „Steckbrief“ zum Teilgebiet 45 ist zu lesen:

„Der Salzstocktop des identifizierten Gebietes befindet sich in einer Teufe kleiner 100 Meter unter Geländeoberkante [...]. Die Salzstruktur ist dadurch potenziell anthropogenen Einflüssen ausgesetzt, was als strukturelle Komplikation mit potenzieller hydraulischer Wirksamkeit gewertet wird. Des Weiteren sind Nachweise zu Störungen innerhalb des identifizierten Gebietes vorhanden. […] Das identifizierte Gebiet verfügt über eine Überdeckung durch Gesteine des Tertiär oder älter, welche als potentiell grundwasserhemmend betrachtet werden, jedoch mit einer gering mächtigen und möglicherweise lückenhaften Ausprägung.“

In der „zusammenfassenden Bewertung“ des Zwischenberichts wird dies allerdings eingeschränkt:

„Alle Indikatoren des „Kriteriums zur Bewertung des Schutzes des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs durch das Deckgebirge“ wurden [...] mit „ungünstig“ bewertet. Im Rahmen der Unsicherheiten der Modellhorizonttiefen und aufgrund der in Relation zur Flä­che des identifizierten Gebiets begrenzten betroffenen Fläche wird die Bewertung des Abstands zur Quartärbasis und des Abstands zur Geländeoberkante mit „ungünstig“ geringer gewichtet. Somit ist dennoch damit zu rechnen, dass ein geeigneter einschlusswirksamer Gebirgsbereich gefunden werden kann.“

In verständlichem Deutsch soll dies wohl folgendes bedeuten: Es bleibt auch in der Auswahl, wozu wir keine genauen Daten haben, und zum anderen betrifft die ungünstige Bewertung nur Teilbereiche des Salzstocks.

Für eine mögliche Eignung wird also zunächst mal ein Auge zugedrückt. Würde der Landkreis Celle jetzt mit kompetenten Vertreter*innen in die Anhörungen gehen, gäbe es wohl ein schnelles Aus für das Teilgebiet 45. Leider können wir uns da nicht sicher sein.

Was passiert in der nächsten Runde?

Zunächst einmal geht es in die „Bürger*innen-Beteiligung“. Am 17./18. Oktober 2020 fand Online eine Auftaktveranstaltung statt. Nach einer knapp viermonatigen Vorbereitungszeit beginnt dann an drei Terminen im Februar, April und Juni 2021 die Beratung über die Zwischenergebnisse.

Schon bald aber findet für Bürger*innen eine sogenannte „Online-Sprechstunde“ statt, in der Expert*innen der Bundesgesellschaft für Endlagerung Fragen beantworten. Die Sprechstunde wird live auf Youtube übertragen. Der Termin für das Teilgebiet 45 ist der 3. November 2020, 19:00 Uhr Ort: Youtube-Kanal der BGE - Fragen können während des Livestreams direkt über die Chatfunktion bei Youtube gestellt werden oder sie können unter Angabe der Teilgebiete-Kennung vorab per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! geschickt werden.

Danach beginnt die Ermittlung von Standortregionen für die übertägige Erkundung unter Einbeziehung der Beratungsergebnisse aus den Fachkonferenzen. Hierfür werden für jedes Teilgebiet repräsentative vorläufige Sicherheitsuntersuchungen durchgeführt, bevor durch die erneute Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien günstige Standortregionen ermittelt werden. Für jede Standortregion werden dabei sogenannte „sozioökonomische Potenzialanalysen“ durchgeführt.

Sollte Meißendorf/Wolthausen dann noch dabei sein, dürfte eine Rolle spielen, dass an das Teilgebiet 45 das Naturschutzgebiet Meißendorfer Teiche zumindest angrenzt und dass für die Region Winsen der Tourismus ein Standortfaktor ist. Ob und inwieweit Faktoren wie der Truppenübungsplatz Bergen-Hohne oder die Gedenkstätte Bergen-Belsen von Bedeutung sind, wird sich zeigen.

Kein 'Atomklo' im Celler Land!?

Im politischen Raum vor Ort eröffnete der frisch gekürte SPD-Bundestagskandidat Dirk-Ulrich Mende die Debatte noch vor Bekanntgabe der Teilgebiete. Er mutmaßte, Lutterloh könne – wie schon vor über 40 Jahren – erneut in die Standortauswahl kommen und meinte dazu: „Kein 'Atomklo' im Celler Land.“ Und weiter: „Schon bei dem ersten Versuch [...] haben sich die Menschen hier vor Ort erfolgreich dagegen gewehrt. Das werden sie wieder tun, kommt es nicht zu dem nachvollziehbaren und transparenten Auswahlprozess. Wir werden sie dabei unterstützen. Gerade die jungen Menschen in unserem Landkreis rufen wir deshalb dazu auf, sich aktiv einzubringen und zu beteiligen.“ Sein CDU-Gegenkandidaten Henning Otte fühlte sich offensichtlich herausgefordert und zeigte mal wieder seine Rummelboxer-Qualität: „Ich werde mich ganz klar dafür einsetzen, dass Lutterloh kein Endlager-Ort wird. Hier schlägt das Herz unserer Südheide, das ich als Wahlkreisabgeordneter und Heidjer verteidigen werde.“ Im direkten niedersächsischen Vergleich sei doch Gorleben ausgesucht und mittlerweile zu zwei Dritteln als Endlager beziehungsweise Zwischenlager fertigstellt worden.

Immerhin wissen wir jetzt, wo das Herz der Südheide schlägt. Die Initiative „Land in Sicht – Transition“ (LIST) bewertete als Fachpublikum am Ring diese erste Runde so: Lutterloh sei erwiesenermaßen ungeeignet, was eine Untersuchung und Bewertung von Salzformationen durch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus dem Jahr 1995 gezeigt habe. Und zu Otte: „Wer heute noch ernsthaft behauptet, Gorleben sei in einem niedersächsischen Vergleich u.a. mit Lutterloh ausgesucht worden, hat sich mit dem Thema nicht wirklich befasst. Gorleben war erwiesenermaßen eine rein politische Entscheidung durch die damalige CDU-Landesregierung.“

Nach Veröffentlichung des Zwischenberichts äußerten sich weitere Politiker*innen.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Jörn Schepelmann erklärt: „Auch wenn es naheliegt, sofort in Abwehrhaltung gegenüber einem Endlagerstandort in unserem Landkreis zu gehen, sollten wir uns bewusst machen, dass es sich zunächst nur um eine generelle geologische Eignung handelt, die noch nicht tiefergehend geprüft ist. Dennoch werden wir die weiteren Beratungen auf den Fachkonferenzen kritisch begleiten, wo die Teilgebiete weiter erörtert werden.“

Ähnlich äußerte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann: „Der Zwischenbericht ist eine erste Eruierung. Orte im Landkreis Celle und Uelzen sind keinesfalls als Standorte in Stein gemeißelt. In der zweiten Runde sollen die Kriterien weiter geschärft werden, um den Suchraum weiter einzugrenzen. Ich bin mir sicher, dass die touristisch genutzte Heideregion aus sachlichen Gründen ausgeschlossen werden wird.“

Direkt in Winsen sowie Meißendorf und Wolthausen waren die von der CZ eingeholten Reaktionen verhalten optimistisch, dass der Kelch Atommüllendlager an den Gemeinde bzw. den Ortsteilen vorbeigeht.

Insgesamt löste die Bekanntgabe des Teilgebiets keine hektischen Reaktionen aus. Dass aber von „Seine Bräsigkeit“ Landrat Klaus Wiswe gar keine Reaktion kommt – Null, Niente, Nothing –, ist eigentlich … naja: war zu erwarten. Das aber ist ein Problem. Denn selbstverständlich wäre die Kreisverwaltung im weiteren ein wichtiger Akteur. Darauf hat immerhin die Kreistagsabgeordnete Behiye Uca (Die Linke) aufmerksam gemacht, indem sie einen eigenen Fachausschuss des Kreistags für die Begleitung des Standortauswahlverfahrens gefordert hat.

Vorläufiges Fazit

Es zeigt sich auch im lokalen Raum, dass der Versuch, die Standortauswahl für ein Atommüllendlager nach transparenten, wissenschaftlichen Kriterien zu betreiben, zunächst kaum Aufregung aufkommen lässt. „Es gibt ja noch 89 weitere Teilgebiete, die untersucht werden.“ Und ja, ein nationales Endlager muss her. Trotzdem: Die Erfahrung von fast 50 Jahren Anti-AKW-Bewegung zeigt auch, dass nichts naiver wäre als Vertrauen in die Strategen der deutschen Atomenergiepolitik.

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Atommüll-Karte: Die Fehler der BGE

In einer ersten Analyse kritisiert die Initiative „ausgestrahlt.“ Aspekte, die auch für das Teilgebiet im Landkreis Celle zutreffen. Wir zitieren aus der Stellungnahme von Jochen Stay:

„Die BGE konnte relativ frei entscheiden, ob sie eher wenige oder eher viele Teilgebiete veröffentlicht und wie sie diese kategorisiert. Sie hat sich für die maximale Anzahl entschieden. Das schmälert die Aussagekraft der Karte immens. Die Bundesgesellschaft konnte die Ausdehnung und Zahl der Teilgebiete darüber steuern, wie streng die geologischen Abwägungskriterien angewendet wurden, also wo das Unternehmen die Grenze zog zwischen ‚hat Nachteile, bleibt aber noch drin‘ und ‚hat so viele Nachteile, dass es rausfliegt‘. […]

Problematisch ist dieses Vorgehen […], weil so der Bevölkerung die Möglichkeit genommen wird, einzuschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihre Region wirklich betroffen sein könnte […]. Die Karte der BGE führt dazu, dass regionale Betroffenheit erst gar nicht aufkommt. […] Damit wird der Zwischenbericht Teilgebiete seiner eigentlich vom Gesetzgeber gedachten Funktion nicht gerecht, die betroffene Bevölkerung in die Debatte um die Standortsuche mit einzubeziehen.

Durch diese Diffusion der Betroffenheit werden sich weiterhin zu wenige Menschen mit dem Verfahren auseinandersetzen. Im nächsten Schritt, wenn die Erkundungsregionen benannt werden, fallen voraussichtlich mehr als 90 Prozent der Gebiete weg. Dann ist das Verfahren an einem Punkt, an dem per Bundesgesetz Fakten geschaffen werden. Das ist zu spät, um die Menschen in den betroffenen Regionen abzuholen. Der Konflikt ist vorprogrammiert.“

Die ganze Stellungnahme findet sich unter: https://www.ausgestrahlt.de/presse/uebersicht/atommull-karte-die-fehler-der-bge/