Viele Kulturmenschen meinen: Ja, erst recht!

Wie in unserm Städtchen etwa die CD-Kaserne mit einem Soli-Konzertabend, die Band Pour L`Amour zur Weihnachtspandemie, wie es auch so viele bedachte Worte vor Konzerten z.B. in der Stadtkirche zeigen, finden verantwortliche Menschen schnell den richtigen Ton, die passenden Worte und die Leute im Publikum sind oftmals dankbar dafür; so gelang es im Schlosstheater Celle Marius Leonard (als Cleante) im Anschluss an eine Moliere-Vorstellung, die Gäste einzuladen `trauen Sie sich, einmal abzuschalten, Eskapismus darf auch mal sein`. Und das Celler Theater selbst reagiert spielplanmäßig auf die Krisengegenwart und legt kleine Formate auf. Ganz neu Niemand wartet auf Dich mit Tanja Kübler im Malersaal und auch unterwegs - zuletzt auf der Turmbühne unter dem Label Texte und Töne ein szenisch-musikalisches Programm zu „His Bobness“. Mit Matthias Schubert, leitender Dramaturg des Hauses, und Stephan Bruhn, ehemaliger Verwaltungschef sind es die Nicht-Profis, die einen kurzweiligen Dylan-Abend präsentieren. Eine gescheite Text- und Songauswahl und ein charmanter, subterreaner Vortrag haben den Musik –und Literaturafficionados*as viel Freude bereitet. Wie viele Facetten im Schaffen des meistdekorierten Menschen der Kunstwelt und welche Ausstrahlung in das Sein aller Kreativen wurden hier sichtbar! Dieser Abend soll wieder aufgenommen werden!

Auf der Hauptbühne läuft bis Ende April Der eingebildete Kranke, ein altes Schlachtross der europäischen Bühnenliteratur. Unter der Regie von Ronny Miersch wird die Geschichte des Monsieur Argan in den Verstrickungen der eigenen Einbildung und in den Klauen von Arzt und Apotheker konsequent als Commedia dell`arte-Stück gegeben. Ein kleines Wagnis, denn bis zur Pause ist die hohe Drehzahl in Spiel - und Sprechweise nicht unanstrengend. Werden am Ende die „vernünftigen“ Leute des Haushaltes es schaffen, Herrn Argan (gewohnt souverän Dirk Böther) von seiner Verblendung zu befreien und der Tochter Ang?lique die Verheiratung mit dem Sohn des Hausarztes ersparen? Mit dem Auftritt des Bruders von Monsieur Argan besinnt das Ensemble sich dann auf das Hauptthema des Abends: ist eine vermeintliche Krankheit eine reale Befindlichkeitsstörung – oder weiter gefasst: wie wissen wir, ob unser Konzept von Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit finden kann?

Das eben kann Theater auch: uns unterhaltsam gewissermaßen auf den Hinterkopf zu klopfen!

Im leider wieder zu dunkel ausgeleuchteten Bühnenbild (Marc Mahn) leuchtet Verena Saake als saft- und kraftvolle Toinette, bewundernswert spielfreudig. Und wir gehen ein wenig klüger, jedenfalls aber gut unterhalten heim.

Was können britische Autor*innen, was deutschen Bühnenschreibenden oft so schwer zu fallen scheint: beißend-liebevolle Selbstironie! Bis Mitte Mai in der Halle 19 zu sehen ist Samantha Ellis´ How to date a feminist - Werden Kate und Steve ein Paar? Wie sieht eine gelungene Beziehung heutzutage aus? Welche Hindernisse stellen sich den Beiden mit den Geschichten der Eltern, den gesellschaftlichen Erwartungen aber auch den eigenen Ansprüchen in den Weg? Pia Noll und Phillip Keßel haben eine tour de force bei diesem unterhaltsamen Personalkarussell abzuleisten. Die beiden Akteure reißen im Spiel einander und dann auch das Publikum mit. Ein gescheites, unaufdringliches, spielbares Bühnenbild (Nadine Hempel), eine temporeiche Inszenierung (Alexander von Säbel) – gekonnt und ohne die Figuren zu denunzieren. Blackout- Applaus-Getrampel.

Zum Putin-Krieg eine Anmerkung: 1942, vor achtzig Jahren, war der spätere Nobelpreisträger John Steinbeck als Berichterstatter in Europa. Den Kampf norwegischer Partisanen verarbeite Steinbeck in der wenig bekannten Novelle Der Mond ging unter - zum Thema Okkupation schreibt er dort: „Freie Menschen beginnen keine Kriege, aber wenn sie kämpfen müssen werden sie siegen; es werden immer die Sklavenarmeen sein, die die Schlachten gewinnen – jedoch die Freien Menschen werden zuletzt den Sieg erringen.“

Und für diejenigen, die sich in die friedliche „innere Höhle“ zurückziehen wollen: radio Bremen 2 sendet/streamt eine mehrteilige niederdeutsche, aber leichtverständliche Hörspielserie Seker is seker um die Versicherungsagentin Jackie Theeßen und deren vertrackte Klient*innen. Bemerkenswert: die Reihe wird wesentlich von Frauen (Regie, Skript, Musik) verantwortet.

Für unsere Welt da draußen gibt es ein davor, - und auch irgendein Danach?

GEPUNKT