Rede von Dr. Michael Huber bei der Klimastreik-Kundgebung am 23.09.2022

Bei der Auftaktkundgebung am globalen Klimastreiktag in Celle hielt Dr. Michael Huber für Climate Watch Celle folgende Rede:

Liebe Mitmenschen,

zu Beginn ganz kurz etwas zu Krieg, steigenden Lebensmittelpreisen und explodierenden fossilen Heizungskosten. Ich traf im Urlaub einen alten Freund, der sich bislang sehr fu?r Klimaschutz engagierte. Der sagte mir, angesichts der allgemeinen Notlage wa?re ihm jetzt Energie- wende und Klimaschutz egal. Er habe jetzt andere Sorgen, schließlich sei ihm das Hemd na?her als die Jacke. Ich sagte ihm, das sei sehr kurzsichtig, denn wenn wir so weitermachen, verlieren wir Jacke und Hemd. Doch nun zu meinem eigentlichen Thema >> So wird Celle zur klima- resilienten Stadt <<, wozu die Celler Klimaplattform mich gebeten hat zu sprechen.

Warum ist das ein drängendes Problem?

Der Klimawandel bedingte Temperaturanstieg erreichte 2020 weltweit 1,2 Grad und in Niedersachsen in 2021 bereits 1,7 Grad. D.h. der Temperaturanstieg ist in Deutschland und NDS wesentlich ho?her und schneller als weltweit. Bei einem weltweitem Anstieg um 2 Grad ko?nnte NDS bereits bis zu 4 Grad wa?rmer werden.

Die Anzahl der Hitzetage mit Temperaturen u?ber 30 °C ist in Celle im Vergleich zu den Jahren vor 2000 von 2011 bis 2020 von vier auf 12 Tage angestiegen und erreichte in 2022 bereits 22 Tage.

Dabei kommt es auf schattenlosen, versiegelten Fla?chen der Innensta?dte i.d.R. zu mehr Hitzetagen als im Umland, und die Temperaturen sind im Vergleich zum Umland um 5 Grad bis 10 Grad ho?her.

Das fu?hrt zu gesundheitlichen Problemen der Bewohner:innen, und die Aufenthaltsqualita?t sinkt an vielen Tagen des Jahres so stark ab, dass es auch fu?r Touristik, Gastronomie und Handel zum Problem wird.

Parallel zum Temperaturanstieg mehren sich auch sog. Starkregenfa?lle, deren Häufigkeit lt. DWD bis 2021 bereits um 9 % angestiegen sind. Abgesehen davon, dass es zu U?berflutungen von Kellern und Tiefgaragen kommen kann, fehlt das oberfla?chig schnell abfließende Wasser bei der Grundwasserneubildung, die auch im LK Celle bereits stark nachgelassen hat.

EU-Kommission, Deutscher Sta?dtetag, Umweltbundesamt, Bundesministerium des Inneren oder Niedersa?chsische Landesregierung sind sich – solange es sie kein Geld kostet – einig, dass die Aufgabe der Schaffung klimaresilienter Sta?dte unverzu?glich angegangen werden muss.
Abgesehen vom Abbau der zum Stoppen des Klimawandel no?tigen Treibhausgasemissionen – in Deutschland waren sie vor dem Krieg bereits wieder am Steigen – kommt es darauf an, die Sta?dte an diese Temperaturerho?hungen anzupassen, d.h. sie klimaresilient zu machen.

Machen wir uns also schlau, was dazu in der Stadt Celle gemacht werden mu?sste!

Hitze- und Frischluft-Katasters

Das gesamte Stadtgebiet Celles muss bezu?glich der Spitzentemperaturen mittels einer Hitzebelastungskarte erfasst werden, die auch die na?chtliche Abkühlung und Kaltluftschneisen berücksichtigt.

Die Erstellung dieses Katasters darf jedoch nicht das Ergreifen von Maßnahmen verzögern, deren Wirksamkeit bereits offensichtlich ist. Da kann man direkt auf die Erfahrung anderer Sta?dte aufbauen.

Entsiegelung

D.h.: Beseitigung bzw. starke Einschränkung Hitze absorbierender und speichernder Pflaster-, Platten- und Asphaltfla?chen, wodurch auch die unmittelbare Versickerung von Oberfla?chenwasser begünstigt wird.

Keine Schottergärten

Nicht überbaute Fla?chen von Baugrundstu?cken mu?ssen Gru?nfla?chen sein, versiegelte Park- und Stellpla?tze sind zu minimieren.

Zusätzliche Gru?nfla?chen

D.h.: Ersatz versiegelter Fla?chen durch bepflanzte Fla?chen (wie Rasen, Wiese, Wildblumen, Stauden). Denn Gru?nfla?chen absorbieren weniger Wa?rme, nehmen bei Regen Wasser auf und ku?hlen durch Verdunstung.

Fassadenbegrünung

Dies wird aus Gru?nden des Denkmalschutzes in vielen Bereichen der Innenstadt Celles eher nicht mo?glich sein.

Dachbegru?nung

Begrünte Da?cher absorbieren weniger Wa?rme, ku?hlen durch Verdunstung und wirken bei (Stark)Regen als Wasserru?ckhaltefla?chen. Zumindest alle geeigneten Flachda?cher mu?ssen deshalb im Bestand mit Begrünung nachgerüstet werden bzw. bei Neubau sollte das Bauvorschrift werden. Nach Möglichkeit sollte die Dachbegru?nung mit PV-Anlagen kombiniert werden.

Wasserfla?chen

Sie wirken durch Verdunstungsku?hlung. Im Gegensatz zu Schattenpla?tzen sind allerdings offene, direkt Sonnen beschienene Fla?chen wg. geringer Wirkung dafür weniger geeignet und fu?hren nur zu Wasserverschwendung.

Wasserverspru?hung z.B. in Form von Springbrunnen oder Vernebelung Die Ku?hlwirkung ist wesentlich ho?her als bei passiven Wasserfla?chen. Doch die Methode ist ebenfalls wenig geeignet fu?r unbeschattete Fla?chen.

Trinkwasserbrunnen

Zwar gibt es in Celle bereits einige o?ffentliche Trinkwasserbrunnen, im Sinne der Klima-Resilienz mu?ssen das aber noch mehr werden.
Vergrößerung der Baumscheiben

Die Vergrößerung der Baumscheiben unterstützt Wachstum und Vitalität der Ba?ume. Daru?ber hinaus wirken Baumscheiben bei Einleitung des Regenwassers – statt es wie fast überall in Celle nutzlos in Gullys einzuleiten – als natürliche Versickerungsfla?chen, und es wird auch Wasser und Arbeitsaufwand beim Bewässern der Ba?ume gespart.

Baumerhalt und Baumpatenschaften

Dem Erhalt bereits bestehender Straßenba?ume wird von allen Studien und Fachgremien zur Klima-Resilienz ho?chste Priorität gegeben. Neben der Sicherstellung einer regelmäßigen Bewässerung der Ba?ume wa?hrend der Hitze- und Dürreperioden durch das Gru?nflächenamt sind hierzu auch die Einrichtung von Baumpatenschaften (mit Wasserfinanzierung durch die Stadt) zu empfehlen, wie es andere Sta?dte (z.B. Hannover und Hildesheim) bereits vormachen.

Bäume statt Parkpla?tze

Laubba?ume mit großen Baumkronen erzielen die gro?ßte Ku?hlwirkung aller Maßnahmen. Sie beschatten den Boden und absorbieren die direkte Sonneneinstrahlung, was unterhalb der Baumkrone ca. 5 Grad Temperaturabsenkung bringt. Durch die Verdunstungsku?hlung u?ber die Bla?tter kommt es zu einem zusätzlichen Ku?hleffekt, so dass die Bodentemperatur auf baumbestandenen Fla?chen um bis zu 25 Grad tiefer liegt als auf unbeschatteten, baumlosen Asphalt- oder Pflasterflächen.

Wind- bzw. Frischluftschneisen

Durch die Zirkulation aufgewärmter Luft aber auch durch Windeinwirkung auf aufgewärmte Stadtgebiete wird ein Teil der Stauwa?rme aus den Sta?dten abtransportiert. In den dicht bebauten Teilen der Alt- und Innenstadt Celles ist diese Windku?hlung relativ unerheblich. Hier gilt: Was nicht aufgeheizt wird, muss auch nicht abgekühlt werden, deshalb mu?ssen hier die bereits genannten Maßnahmen umgesetzt werden. Jedenfalls ist bei

Raumordnung, Fla?chennutzungs- und Bebauungspla?nen in und um die Stadt Celle unbedingt auf den Erhalt bestehender Windschneisen zu achten.
Schaut Euch mal hier auf der Stechbahn und all den anderen Pla?tzen und Straßen der Altstadt und vielen Bereichen der Innenstadt um. Dann seht ihr, was da noch alles gemacht werden muss. Vielleicht gibt es fu?r Sta?dteplanungs-Student:innen bald Exkursionen nach Celle, um zu lernen, wie man es nicht macht.