Von Johann J. Dusch bis Nicola Denis


Sprache sprachs, trat aus dem Haus
Und kannte fürder Tür noch Tor
Nicht mehr, in sich sich nicht mehr aus
Und stand doch, Sprache, sich bevor . .
.

JÖRN EBELING
Die unerlöste Sprache (1969)

Sie sind im Sprach-Fluss zuhause, setzen von einer auf die andere Seite des Ufers über, kennen Fährnisse beider Seiten, die Transporteure unterschiedlichster Frachten, sie eröffnen uns nahe und ferne Sprachräume und sind seit Ende des 17. Jahrhunderts auch hier aufzu­finden. Chronologisch aufgeführt lauten ihre Namen, so­weit sie bekannt sind: Johann H. Schmucker, Christoph L. Bilderbeck, Johann H. Steffens, Johann J. Dusch, Jo­hann Ch. Bode, Hermann W. F. Ueltzen. Für das 20. und 21. Jahrhundert stehen: Fritz Grasshoff, Arno Schmidt, Karl-Heinz Bolay, Hans Wollschläger, Dorothee Asen­dorf, Jörn Ebeling, John E. Woods, Wolfgang Schlüter, Oskar Ansull, Claude Riehl, Werner Schmitz, Silvia Mo­rawetz, Karsten Singelmann, Hans Pleschinski, Angela Hoffmann, Thorsten Alms, Claudia Ott, Nicola Denis ...

Der 1725 in Celle geborene Johann J. Dusch ist als einer der frühen in Celle aufgewachsenen Übersetzer anzusehen. Er war Schüler der Lateinschule und wurde später als Autor und Übersetzer aus dem Englischen be­kannt. Er veröffentlichte Werke von Alexander Pope, Conyer Middelton, David Hume, D. Edward Young ins Deutsche und trug zur Rezeption der einflussreichen Dichter bei. Die jüngste Übersetzerin im Reigen der „Celler“ Fährleute ist zurzeit Nicola Denis. Sie wurde 1972 in Celle geboren und lebt als Übersetzerin und Au­torin seit 2002 in Westfrankreich.

„Alles, was je schrieb, in Liebe und Haß, als immerfort mitlebend zu behandeln“,

nimmt sich Arno Schmidt im „Vorspiel. Darmstadt i. d. Barbarei“ im Jahre 1958 vor. Es war auch das Arbeits­motto meines literarischen Rechercheprojekts „Heimat, schöne Fremde“ (2019), bei dem es weder um Leis­tungsvergleiche noch literarische Höhenwanderungen ging, sondern um eine Sichtung, die längere Betrachtung regionalen Erbes, Versuch einer kulturellen Vermessung, bei der mehr herausgekommen ist, als manche Skeptiker erwartet haben – mehr als die Stadt Celle verdient hat, meinte Joachim Kersten bei der Buchvorstellung im Cel­ler Schlosstheater.

Das gilt hier auch für die übersetzende Zunft, die sich über einen Zeitraum von knapp 300 Jahren am Ort eingefunden hat; mehr als zwanzig (bisher) nachge­wiesene literarische Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Albanischen und Arabischen bis zum Weißrussi­schen. Für eine überschaubare Kleinstadt, die im 17. Jahrhundert etwa 3.700 Einwohner zählte, mit dörflicher Umgebung, ist dies bemerkenswert. Gewiss, nicht alle die Fährleute sind hier geboren oder aufgewachsen, sind oft nur temporäre oder ansässig gewordene Zuzügler, bilden aber, wenn auch zumeist im Verborgenen, das kulturelle Klima einer Region, den Sprachatem mit ab.

In frühen Zeiten hatten der Hof, die protestanti­sche Kirche, das Gericht und die Celler Lateinschule we­sentlichen Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung vor Ort. Es wurde nicht nur das Übersetzen aus dem La­teinischen, Griechischen und Hebräischen ins Deutsche gepflegt, ebenso die englische, französische, italienische und wohl auch dänische Sprache, die am Herzoghof und somit auch in den gehobenen Kreisen der Stadt gespro­chen wurden, zu hören waren. Dass in Celle angeblich das reinste Hochdeutsch zuhause sei, ist eine noch zu überprüfende Legende des 19. Jahrhunderts, die auch der Literaturhistoriker Karl Goedeke mit verbreitet hat. Auch Teile des Handwerks und Handels gehörten zu Celles tonangebende Kreise, hinzu kamen die in feinme­chanischen Berufen ausgebildeten wie gebildeten fremd­sprachigen Zuwanderer, die sich ins vorherrschende plattdeutsche Sprachklima mischten. Ein Klima, das die Ausbildung hochdeutschen Sprechens und Schreibens wohl begünstigte, eine Keimzelle für angehende Über­setzerinnen und Übersetzer vom 17. bis ins 20. Jahrhun­dert, denn allein lokale Dialekte sind oder waren fürs Übersetzen eher nicht förderlich. Dies spezielle Sprach-Kapitel ist meines Wissens für diese Stadt bisher noch nicht geschrieben worden.

Die „Celler“ Fährleute erstmals in einer Über­schau zu würdigen und einige der gegenwärtig hier le­benden oder von hier stammenden Übersetzerinnen und Übersetzer in den Fokus zu rücken und aufzuzeigen, dass sie als solche eine, wenn auch kleine Geschichte vor Ort haben, ist Anlass des Treffens, das in der letzten Märzwoche dieses Jahres in Celle stattfinden wird. Mit:

NICOLA DENIS, die 1972 in Celle geboren wurde und aufgewachsen ist, lebt seit 2002 als freie Übersetzerin und Autorin in Westfrankreich. – SILVIA MORAWETZ, 1954 in Gera/Thüringen geboren, Studium der Anglistik, Amerikanistisk und Germanistik in Leipzig. Seit 2003 lebt und arbeitet sie als freie Übersetzerin in Celle. – CLAUDIA OTT, 1968 in Tübingen geboren, studierte Ori­entalistik und lebt seit 1999 als freischaffende Überset­zerin, Musikerin und Autorin in Beedenbostel. – WER­NER SCHMITZ, 1953 in Köln geboren, lebt seit 2002 als Übersetzer aus dem Amerikanischen und Englischen in Celle.
Hinzu kommen: CLAUDIA KRAMATSCHEK als Mod­eratorin und Literaturkritikerin. Seit 2019 ist sie festes Mitglied des Koordinationsteams der UNESCO City of Literature Heidelberg und gehört der Jury zur Überset­zungsförderung von Litprom an. Und als Gast: FRIEDHELM RATHJEN, 1958 in Westerholz geboren, lebt als Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Schrift­steller und Herausgeber in Emmelsbüll-Horsbüll.

Abschließend bleibt anzumerken, dass die Fährleute zwischen den Sprachen zumeist vergessen worden sind, ihre Namen und Biographien unterschlagen und Hinwei­se auf sie oft völlig fehlen. Bis heute sind bio-bibliogra­phische Angaben zu Übersetzerinnen und Übersetzern die Ausnahme. In all dem spiegelt sich die schlechte Ho­norierung ihrer Arbeit; aber auch Hebammen werden schlecht bezahlt. Es hat sich herumgesprochen: eine ge­lungene Übersetzung ist Arbeit, Arbeit, Arbeit, ist Brü­ckenbau zwischen Sprachen und Kulturen; sie lässt sich gar nicht hoch genug ansetzen; entsprechend sollten In­genieursgehälter dafür ausgelobt werden, eine anständige Grundhonorierung von Seitenzahl und Arbeitsstunden, Beteiligung an den Gewinnen, das sollte alles selbstver­ständlich sein.

Ausführlicher nachzulesen in Oskar Ansull: Hei­mat, schöne Fremde. CELLE Stadt & Land. Eine literarische Sichtung. Gebunden im Schuber, 1000 Seiten, Hannover 2019 (Wehrhahn Verlag)

TERMINE:

Freitag  24. März   In der Galerie Dr. Jochim    19:30 Uhr   Magnusstraße 5
Von Oedipus bis Zettel's Traum   Zwei Berichte
Oskar Ansull: 300 Jahre „Celler“ Fährleute / Friedhelm Rathjen: Arno Schmidt als Übersetz(t)er
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Samstag  25.  März  In der Galerie Dr. Jochim     17:00 Uhr  Magnusstraße 5
Übersetzen ins Deutsche   Gespräch
Versuch einer Verortung mit Nicola Denis, Silvia Morawetz, Claudia Ott, Friedhelm Rathjen u. Werner Schmitz  
Moderation: Claudia Kramatschek
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Sonntag  26. März  11:00 - 12:30/13.00 Uhr   Matinee im Schlosstheater
Vier „Celler“ Fährleute  Lesungen & Gespräche
Nicola Denis, Silvia Morawetz, Claudia Ott und Werner Schmitz stellen aktuelle Proben ihrer Arbeiten vor. 
Im Gespräch mit Claudia Kramatschek